„Der Druck im Job ist gerade enorm.“ Diesen Satz höre ich in letzter Zeit immer häufiger in Coachinggesprächen.
Viele Menschen erleben ihren Alltag als dicht und fordernd: Der Kalender ist voll mit Deadlines, ein Meeting folgt auf das nächste, Verantwortung wächst und gleichzeitig verändern sich Strukturen und Prozesse ständig.
Kurz gesagt: Change ist zur Normalität geworden.
Und ja, natürlich entsteht Druck manchmal tatsächlich durch äußere Anforderungen. Doch wenn wir genauer hinschauen, zeigt sich oft ein überraschender Punkt:
Ein großer Teil des Drucks entsteht nicht durch die Situation selbst, sondern durch unsere eigenen inneren Ansprüche.
Wenn der innere Antreiber das Tempo bestimmt
Viele Menschen kennen diese Gedanken sehr gut:
„Das muss perfekt werden.“ „Ich darf keinen Fehler machen.“ „Das reicht noch nicht.“ „Ich muss das alles schaffen.“
Solche inneren Sätze sind so verbreitet, dass sie fast schon normal erscheinen.
In der Psychologie spricht man hier häufig von inneren Antreibern. Diese inneren Muster können natürlich motivieren und Leistung ermöglichen, denn sie treiben uns an, Verantwortung zu übernehmen und Dinge gut zu machen.
Gleichzeitig können sie jedoch auch erheblichen Druck erzeugen. Nämlich dann, wenn der innere Antreiber permanent aktiv ist. Hier entsteht schnell das Gefühl, nie wirklich fertig oder gut genug zu sein.
Warum unser Gehirn auf Gedanken wie auf echten Stress reagiert
Unser Gehirn unterscheidet erstaunlich wenig zwischen tatsächlichen äußeren Anforderungen und der Bewertung dieser Anforderungen.
Wenn wir denken: „Das darf auf keinen Fall schiefgehen.“ Ich schaffe das nicht.“ oder „Das muss perfekt werden.“ reagiert unser Körper tatsächlich so, als wäre echte Gefahr vorhanden.
Unser Puls steigt, Stresshormone werden ausgeschüttet und unser ganzer Körper spannt sich an.
Diese Zusammenhänge wurden bereits früh in der Stressforschung beschrieben. Der Psychologe Richard Lazarus zeigte, dass Stress nicht nur durch Ereignisse entsteht, sondern vor allem durch die Bewertung dieser Ereignisse (Lazarus, R. & Folkman, S. (1984). Stress, Appraisal and Coping.https://books.google.com/books/about/Stress_Appraisal_and_Coping.html?id=i-ySQQuUpr8C).
Mit anderen Worten: Nicht nur eine Situation bestimmt unser Stresslevel, sondern auch unsere Gedanken darüber.
Perfektionismus als versteckter Stressverstärker
Ein weiterer wichtiger Faktor ist unser Perfektionismus., freilich heute durch das Wahrnehmen der „perfekten“ Welt auf Social Media und Co, noch mehr.
Perfektionismus wird häufig als positive Eigenschaft wahrgenommen: Hohe Standards, hohe Motivation und hohe Verantwortung.
Doch Forschung zeigt, dass übersteigerter Perfektionismus auch eine Schattenseite hat.
Eine große Metaanalyse (Curran, T. & Hill, A. (2019). Perfectionism Is Increasing Over Time. Psychological Bulletin. https://doi.org/10.1037/bul0000138) der Psychologen Thomas Curran und Andrew Hill zeigt, dass Perfektionismus in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen hat und stark mit Stress, Angst und Burnout zusammenhängt.
Natürlich bedeutet das nicht, dass hohe Ansprüche grundsätzlich problematisch sind. Doch wenn der Anspruch lautet, immer perfekt funktionieren zu müssen, kann genau das zu dauerhaftem Druck führen.
Wenn Erwartungen von außen und innen zusammenkommen
Natürlich entstehen Anforderungen auch durch Organisationen, Führung oder Veränderungen im Unternehmen. Doch häufig verstärken sich zwei Ebenen gegenseitig, nämlich die äußeren Anforderungen mit den eigenen inneren Ansprüchen.
Wenn beides gleichzeitig hoch ist, entsteht leicht das Gefühl, ständig unter Druck zu stehen.
Viele Menschen versuchen dann noch mehr zu leisten, noch schneller zu arbeiten oder noch perfekter zu sein.
Langfristig führt das jedoch selten zu mehr Entlastung.
Drei Fragen, die helfen können, Druck zu relativieren
Manchmal beginnt Entlastung mit einer ehrlichen Selbstreflexion.
Diese drei Fragen können dabei helfen:
1. Welche Erwartungen an mich selbst setze ich mir gerade?
Sind diese Erwartungen realistisch oder vielleicht sehr streng formuliert?
2. Welche Anforderungen kommen tatsächlich von außen und welche entstehen „nur“ in meinem Kopf?
Nicht jede Deadline ist automatisch ein persönlicher Leistungsnachweis.
3. Was würde ich einer guten Freundin oder einem guten Freund in dieser Situation raten?
Oft sind wir mit anderen deutlich freundlicher als mit uns selbst.
Fazit: Nicht jeder Druck kommt von außen
Druck im Job entsteht nicht nur durch Organisationen, Deadlines oder Veränderungen. Oft entsteht ein Teil dieses Drucks durch unsere eigenen inneren Ansprüche.
Wenn wir diese inneren Antreiber erkennen, entsteht Raum für eine neue Perspektive mit mehr Klarheit, realistischere Erwartungen und ein gesünderer Umgang mit Leistung.
Denn langfristige Leistungsfähigkeit entsteht selten durch permanenten Druck, sondern durch bewusste Selbstführung.
Wenn Sie merken, dass Sie hohe Ansprüche und ständiger Druck begleiten, kann Coaching helfen, diese inneren Muster sichtbar zu machen und neue Wege im Umgang damit zu entwickeln. Lassen Sie uns unverbindlich reden!